
Europa steht an einem Wendepunkt. Die Europäische Kommission arbeitet an einer großen Reform des Visasystems. Ziel ist es, die Verfahren für Fachkräfte, Studierende, Forscherinnen und Forscher sowie Unternehmer einfacher und schneller zu machen. Österreich und Deutschland können davon besonders profitieren, weil beide Länder große Lücken am Arbeitsmarkt haben.
Warum die Reform nötig ist
Viele Arbeitgeber und Bewerber klagen seit Jahren über lange Wartezeiten und zu viel Bürokratie. Wer ein Visum beantragt, muss oft Monate warten und viele Dokumente nachweisen. Deshalb entscheiden sich manche hochqualifizierte Menschen lieber für Kanada, die USA oder Australien. Die EU will das ändern. Sie plant digitale Anträge, kürzere Fristen und einheitliche Regeln in allen Mitgliedsstaaten (Europäische Kommission).
Deutschland: Viele neue Visa, aber immer noch Probleme
Deutschland braucht jedes Jahr rund 288.000 Fachkräfte, damit die Wirtschaft stabil bleibt (SVR – Sachverständigenrat Migration). 2024 stellte das Land fast 200.000 Arbeitsvisa aus. Allein im ersten Quartal 2025 waren es schon 55.000, also zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders beliebt ist die EU-Blue Card, von der 2024 mehr als 30.000 vergeben wurden (Auswärtiges Amt).
Außerdem startete Deutschland 2024 die Chancenkarte. Damit können Bewerberinnen und Bewerber ohne Arbeitsvertrag einreisen und vor Ort einen Job suchen. Ende 2024 waren schon 15.000 Karten ausgegeben, und Anfang 2025 kamen weitere 5.000 dazu (Jobbatical).
Seit Januar 2025 können Antragsteller ihre Unterlagen weltweit auch online über das Konsularportal einreichen (Auswärtiges Amt). Gleichzeitig gibt es aber auch Kritik. Denn ab Juli 2025 fällt das Verfahren weg, mit dem man eine Visa-Ablehnung intern anfechten konnte. Viele Fachleute sehen das skeptisch (Make it in Germany).
Auch die Wirtschaft schlägt Alarm: Über 300 deutsche Firmen in China warnten im September 2024 in einem Brief an Außenministerin Annalena Baerbock vor Wartezeiten von bis zu drei Monaten für Visa (Reuters).
Österreich: Mehr Zuwanderung, aber noch offene Stellen
Auch Österreich ist stark auf Zuwanderung angewiesen. Zum Jahresbeginn 2025 lebten hier 1,855 Millionen Ausländerinnen und Ausländer – das sind 27,8 Prozent der Bevölkerung (Statistik Austria). Besonders viele Menschen kommen aus Deutschland (239.500) und Rumänien (155.700).
Das wichtigste Instrument für Fachkräfte ist die Rot-Weiß-Rot-Karte. 2024 wurden 9.741 Karten vergeben, also 21 Prozent mehr als 2023. In den ersten drei Monaten 2024 allein waren es schon 3.200, ein Plus von 35 Prozent. Bis Ende des Jahres rechnete die Regierung mit 10.000 Karten (Y-Axis). Besonders viele gingen an Beschäftigte im Tourismus, aber auch in IT und Pflege.
Trotzdem blieben 206.400 Stellen unbesetzt (OECD Migration Outlook 2024). Gleichzeitig lag die Arbeitslosigkeit bei 5,1 Prozent.
Die Rot-Weiß-Rot-Karte gilt zwei Jahre. Für 2025 liegt das Mindestgehalt bei 3.225 Euro brutto pro Monat. Für die Blue Card sind es sogar 3.679 Euro (OeAD). Wer noch keinen Job hat, kann mit einem Job-Seeker-Visum für sechs Monate nach Österreich kommen und vor Ort suchen (The Worldwide Advisors).
Bildung und Forschung brauchen mehr Mobilität
Österreichs Universitäten in Wien, Graz und Salzburg ziehen jedes Jahr viele internationale Studierende an. In Deutschland sind die Max-Planck-Gesellschaft und die Fraunhofer-Institute weltbekannt. Doch komplizierte Visa-Regeln schrecken viele junge Talente ab.
Visa als politisches Werkzeug
Visa spielen auch eine Rolle in der Außenpolitik. Mit klaren und einheitlichen Regeln will die EU verhindern, dass Bewerber zwischen Staaten „Visum-Shopping“ betreiben. Gleichzeitig sollen Visa-Regeln die Zusammenarbeit mit Partnerländern verbessern. Österreichs EU-Migrationskommissar Magnus Brunner sagte im Juli 2024:
„Rumänien und Bulgarien haben Anspruch darauf, die vollen Vorteile des Schengen-Raums zu genießen. Die Aufhebung der Grenzkontrollen wird den Schengen-Raum stärker und sicherer machen.“
(SchengenVisaInfo)
Wie es weitergeht
Die EU will die neue Visa-Strategie bis Ende 2025 vorstellen. Geplant sind:
- Digitale Anträge und schnellere Verfahren
- Mehr Personal an Konsulaten im Ausland
- Einheitliche Regeln für lange Aufenthalte
- Bessere Umsetzung der Blue Card und der Studenten-Richtlinien
Zurzeit läuft eine öffentliche Konsultation. Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Universitäten und Organisationen können ihre Meinung einbringen (European Commission Consultation).
Für Deutschland und Österreich sind die Reformen besonders wichtig. Beide Länder haben alternde Bevölkerungen und große Lücken auf dem Arbeitsmarkt. Wenn es gelingt, das Visasystem zu modernisieren, können sie im Wettbewerb um die besten Köpfe der Welt gewinnen.